Osteopathische Behandlung zur sanften Anregung der Selbstheilungskräfte.

Verarbeitung musikalischer Prozesse und Auswirkungen auf Psyche und Körper

(Zitatiert aus: Pilat, Carmen: Magisterarbeit LMU Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften vom 02.10.2008: "Elementare Musikpädagogik in der Früherziehung und Musiktherapie in der Neurorehabilitation bei Schlaganfallpatienten - Darstellung und Vergleich von Grundlagen, Zielsetzungen und praktischen Durchführungen". Einsehbar in der Fakultätsbibliothek für Pädagogik und Psychologie der LMU.)

Herauszufinden wie das Gehirn funktioniert beschäftigt, die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Mittlerweile müssen zumindest die Schädelknochen nicht mehr trepaniert oder anderweitig aufgeschnitten werden, um seine Funktionsweise zu begreifen. Es werden zwar auch heute noch einige Versuche während des Operierens am Gehirn gemacht, die jedoch ein möglichst gutes Ergebnis für den Patienten mit sich bringen soll, bzw. ungefährliche Forschung an der Hirnarchitektur darstellen.

Emotionen, Hormone, Transmitter, Immunglobuline


Musik ist in der Lage Emotionen hervorzurufen, welche mit diversen Körperveränderungen, Hormon- oder Immunglobulinausschüttungen verbunden sind, um nur einiges zu nennen.

Musik und Emotion


So gibt es Versuche von Blood et al. von 1999 (zitiert nach Koelsch und Fritz, 2007, S. 31), bei denen Personen computergesteuerte Musikstücke, ohne Dynamik oder Agogik, mit einem permanent hohen Grad an Dissonanzen vorgespielt werden, welche vom Probanden als besonders unangenehm empfunden werden. Nimmt der Grad der Unangenehmheit bei einem Musikstück zu, so kommt es zu einer entsprechend stärkeren Aktivierung des rechten Gyrus parahippocampalis und der Region des Precuneus. (Vgl. Koelsch und Fritz, 2007, S. 31) Nimmt das Gefühl des Unangenehmen eines Stückes jedoch ab, so wird der orbitofrontale und frontopolare Cortex, sowie der subcallosale singuläre Cortex stärker aktiviert. (Vgl. Koelsch und Fritz, 2007, S. 31)

Etwas später veröffentlichen Blood und Zatorre 2001 eine weiter Studie, in der die spezifische Gehirndurchblutung als Änderung im regionalen cerebralen Blutfluss (rCBF) während der Rezeption von als besonders angenehm empfundener Musik untersucht wird. Dabei kommt es zum Auftreten von so genannten "chills", was im Deutschen mit "Erschauern" oder "Gänsehaut bekommen" gleichzusetzen ist. (Vgl. Koelsch und Fritz, 2007, S. 31)

Chills beruhen wohl auf einer Aktivierung des limbischen Belohnungssystems, welches auch durch Geschlechtsverkehr und bei gutem Essen Glücksgefühle vermittelt. Nach Grewe gibt es neben der Lieblingsmusik bestimmte allgemeine Eigenschaften von Chill-Musik, dazu gehört das Verletzen von Erwartungen oder der Beginn von etwas Neuem in einem Musikstück. So ist besonders der Einsatz einer einzelnen Stimme oder des ganzen Chores als Kontrast zwischen leise zu laut oder umgekehrt zu nennen und im allgemeinen die Änderung der Lautstärke. Auch Wiederholungen von Tonfolgen werden als besonders angenehm empfunden, und können Chills hervorrufen. So muss ein Rezipient drei Stufen durchlaufen, bevor es zur Chill-Reaktion kommt. Als erste Stufe ist eine bestimmte Chill-Persönlichkeit als Voraussetzung zu nennen. So neigen schüchterne, belohnungsabhängige oder sensationsgierige Personen, denen ein reaktionsfähiges autonomes Nervensystem zu eigen ist eher zu einer Chill-Antwort als andere. An zweiter Stelle ist dann die Vertrautheit und die Akzeptanz der rezipierten Musik ein wichtiges Merkmal, wobei die jeweilige Reaktion auf die Musik stark vom momentanen Umfeld und der aktuellen Situation, in der sich der Zuhörer befindet abhängt. Als letzte Stufe ist dann die gezielte Aufmerksamkeit auf die Musik zu nennen, und das Auslösen von körperlichen Symptomen wie etwa dem Anstieg des Pulses. Werden alle Voraussetzungen eingehalten und alle Stufen durchlaufen, so kann es zu einer Chill-Antwort in Form von Gänsehaut, einem Schauer, der einem über den Rücken läuft, oder ähnlichen Reaktionen kommen. (Vgl. Grewe, 2005, S. 446-449)

Aber nun wieder zurück zur Studie von Blood und Zatorre bezüglich des cerebralen Blutflusses beim Anhören der Lieblingsmusik. Während der "chills" werden Durchblutungsänderungen im Bereich der Insel, des rechten orbitofrontalen Cortex, der rechten Amygdala und des ventromedialen präfrontalen Cortex gemessen. Für diese Gebiete wird, wie schon erwähnt angenommen, dass sie an der Verarbeitung von Belohnung und Emotion beteiligt sind. (Vgl. Koelsch und Fritz, 2007, S. 31)

Koelsch und Fritz haben 2006 eine ähnliche Studie veröffentlicht, welche anhand von funktionellen Magnetresonanztomographien die Veränderung der Gehirnaktivierung durch angenehme und unangenehme musikalische Stimuli darstellt. Als angenehme Musik werden fröhliche instrumentale Tanzstücke verwendet, wohingegen als unangenehme Darbietungen elektronisch manipulierte, kakophone d.h. permanent dissonante Gegenstücke der erstgenannten Musikstücke verwendet werden. Hier finden sich beim Hören von als unangenehm empfundener Musik, im Kontrast zur angenehmen, Aktivierungen des Hippocampus, des Gyrus parahippocampalis und der Amygdala jeweils beidseits. Beim Hören von angenehmer im Vergleich zu unangenehmer Musik kommt es zur Aktivierung der anterior-superioren Insel und des anterior frontalen Cortex, wie auch bilateral der Heschelschen Gyri und der Rolandischen Operculums im Gyrus subcentralis. (Vgl. Koelsch und Fritz, 2007, S. 31)

So kommt es also, wie zu erwarten ist, zu einer Aktivitätsänderung in den Bereichen des limbischen Systems und der paralimbischer Strukturen, wie der Amygdala, des Hippocampus, des Gyrus parahippocampalis und der anterioren Insel, welche bekanntlichermaßen an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind. (Vgl. Koelsch und Fritz, 2007, S. 31 f)

Musik und Hormone, Nerven- und Immunsystem


Musik kann auch Einfluss auf das Immun- und Hormonsystem haben.


Bezüglich des Hormonsystems kommt es beim Anhören von angenehmer Musik bei Männern zu einer Verminderung der Sexualhormone, v.a. des Testosterons, was den Mann weniger aggressiv und wohl auch zärtlicher zu machen scheint. Bei der Frau dagegen führt dies eher zu einer Erhöhung der Sexualhormone, was ebenfalls eine gute Voraussetzung für den Sexualakt darstellt, und die Fruchtbarkeit verbessert. (Vgl. hierzu [sub:Ethologie-und-Evolutionspsychologie])

Darüber hinaus kommt es beim Musikhören oder auch Musikmachen von ruhiger, entspannungsfördernder Musik in einem nicht von Stress und Leistungsdruck geprägten Umfeld, zu einer Verminderung der Stresshormonausschüttung, die sich bei Dauerstress z.B. als erhöhte Adrenalin- und Cortisolfreisetzung findet, und hat so eine positive Auswirkung auf den Stoffwechsel, z.B. Fettstoffwechsel oder Blutdruck. Außerdem können Glückshormone wie Serotonin, Dopamin, Endorphine, Noradrenalin, also körpereigene Drogen freigesetzt werden. So hat Musik also auch einen gewinnbringenden Effekt auf das vegetative Nervensystem, was z.B. über die Schweißsekretion und Oberflächenspannung als elektrodermale Aktivität und die Herzrate auf einfache Weise untersucht werden kann. Auch auf das Immunsystem wirkt sich Musikhören positiv aus, so können erhöhte Konzentrationen von Immunglobulin A z.B. im Speichel gefunden werden. Immunglobulin A findet sich v.a. in den Schleimhäuten d.h. im Bereich des Mundes, Atemtraktes oder Urogenitaltraktes und ist für die Abwehr von von außen eindringenden Krankheitserregern zuständig. So kommt es also zu einer besseren Abwehr und das Individuum ist seltener von viralen, bakteriellen oder anderen Infektionen betroffen. (Vgl. Koelsch und Fritz, 2007, S. 34)

Intensives aktives Musikmachen, v.a. in der Gruppe so z.B. das Trommeln kann jedoch auch entgegengesetzte Auswirkungen auf Adrenalin oder Cortison in einer Form von Eustress d.h. Anstrengungen, die glücklich und zufrieden machen, haben, und so positive Einflüsse auf das Immunsystem ausüben, denn erhöhte kurzzeitige Adrenalin- und Cortisolerhöhungen können zur Anregung des Immunsystems führen. (Vgl. Bittman et al., 2001, S. 44) In der Studie von Bittman et al. werden 12 verschiedene Blutparameter, die im Zusammenhang mit dem neuroendokrinen System stehen, im Bezug auf eine Immunsystemmodulation, bei vier verschiedenen Settings des Trommelns untersucht: "Basic" als einen gängigen Trommelunterricht mit ca. 50% Instruktionen und 50% aktivem Trommeln, "Impact" ebenfalls als gängigen Trommelunterricht, jedoch mit nur 20% Instruktionen und 80% aktivem Tun, "Shamanic" als Trommeln im Hinblick auf schamanische Grundlagen und "composite", entsprechend dem für die Studie kreierten experimentellen Modell. (Vgl. Bittman et al., 2001, S. 38, 41). Die Ergebnisse werden mit zwei Kontrollgruppen in Ruhe ("resting"), die Zeitschriften oder Bücher lesen oder beim Zuhören ("listening") von vorher aufgezeichneter Trommelmusik aus einer Experimental-Session (Bittman et al., 2001, S. 38) verglichen. Dabei finden sich für die Zuhörergruppe im Vergleich zur Gruppe in Ruhe ein Anstieg des Cortisols. Der stärkste Anstieg findet sich beim "basic", den stärksten Abfall beim schamanischen Trommeln. Beim "composite" findet sich nur ein geringer Cortisol Abfall. Die Aktivität der natürlichen Killerzellen, die für die Abwehr von Krankheitserregern, aber auch für die Zerstörung von Krebszellen wichtig sein können, wird v.a. durch die "composite" Form angeregt. "Impact drumming" scheint dagegen diese Aktivität zu vermindern. (Vgl. Bittman et al., 2001, S. 41) Neuerdings wird auch das Verhältnis von Cortisol im Blut zu DHEA (Dehydroepiandrosteron), einem Steroidhormon, welches in der Nebenniere, bei der Frau auch zu ca. 30% im Ovar aus Cholesterin produziert wird und später zu Testosteron umgebaut werden kann, als ein wichtiger Parameter bei der Entstehung und Progression von vielen verschiedenen Erkrankungen angesehen. (Vgl. Bittman et al., 2001, S. 44) In der Kontrollgruppe, die Trommelmusik anhört steigt dieses Verhältnis am stärksten. Am zweitstärksten scheint dies bei der composite drumming Gruppe der Fall zu sein. (Vgl. Bittman et al., 2001, S. 41) Auch auf Ängstlichkeit und Depressivität der Teilnehmer scheint Trommeln einen positiven Einfluss zu haben. (Vgl. Bittman et al., 2001, S. 38)

Bezüglich klinisch-medizinischen Anwendungen von Musik und deren Auswirkungen auf den menschlichen Körper gibt es mannigfaltige Untersuchungen. Hier wurde eine Studie ausgewählt, die sowohl das Rezipieren als auch das aktive Spielen von Musik, hier v.a. Rhythmus, beleuchtet. Eine genauere Darstellung würde den Rahmen der Arbeit sprengen, so dass hier auf entsprechende Literatur verwiesen werden darf. (Siehe hierzu Abbildung [fig:Einflüsse-des-Trommelns])



Einflüsse von Musik auf die Motorik


Nun soll kurz der Einfluss der Musik auf die Motorik dargestellt werden. Später im Teil über die Effektivität von Musik im Bereich der Musikpädagogik und v.a. Musiktherapie wird hierauf nochmals speziell eingegangen, so dass hier das Thema nur kurz angerissen wird. (Vergleiche hierzu Kapitel [sec:Effektivität-und-Evaluation])

Bei Kindern hat man oft das Gefühl, dass musikalische Wahrnehmung direkt in motorische Bewegung umgesetzt wird. Beobachtet man kleine Kinder, so beginnen sie sich oft wie automatisch zu bewegen, sobald Musik ertönt.

Besonders interessant ist es, dass schon bei der Rezeption von Musik prämotorische und motorische Areale aktiviert werden. Einerseits findet sich dies z.B. bei berufsmäßigen Klavierspielern, bei denen sich die Areale für die Fingerbewegung nur beim Zuhören eines Klavierstückes aktivieren, und so eine Art Lerneffekt eintritt.

Bei Musikern und nicht Musikern ist es jedoch allgemein so, dass Areale im Bereich des Rolandischen Operculums aktiviert werden, in welchem sich die Repräsentation des Kehlkopfs befindet. Auch wenn beim Musikhören kein Ton der Stimmbänder zu vernehmen ist, werden die dazu gehörenden Großhirnbereiche samt Verbindungen trainiert und gestärkt, was z.B. auch als positiver Effekt in die Aphasiebehandlung mit einbezogen werden kann. (Vgl. Koelsch und Fritz, 2007, S. 32) Ähnliche Phänomene gibt es im visuellen Bereich, wobei allein das Zusehen einer Aktivität zur Aktivierung des entsprechenden prämotorischen Areals führt, was z.B. bei Lähmungen oder Apraxien angewendet werden kann. (Vgl. Gaggioli et al., 2004) Auch bei der Spiegeltherapie wird dieser Effekt der Aktivierung von Gehirnarealen benutzt. Dabei sitzt der Patient so vor einem Spiegel, dass er, obwohl er nur eine Körperhälfte bewegt, auch die andere als sich mitbewegend wahrnimmt, obwohl sie ruhig gehalten wird. Dies wird ebenfalls bei Lähmungen oder Schmerzsyndromen verwendet, die keine direkte Bewegung zulassen. (Vgl. Koelsch und Fritz, 2007, S. 32)

Eine erste wichtige Studie zum Thema Antriebsförderung durch Musik hat Hermann Rauhe 1977 in der Zeitschrift Therapie der Gegenwart veröffentlicht. Dabei bewegt er sich mehr im Bereich der Musikpädagogik oder Musikwissenschaft, als im therapeutischen Bereich, indem er Elemente wie Intervalle oder spezielle Akkorde als die Treibkraft der Musik untersucht und dazu rät diese entsprechend den Vorlieben des Rezipienten gezielt einzusetzen, was dann wiederum den Bogen zur Therapie spannt. Spätere Studien sind zumeist mehr neurowissenschaftlich aufgebaut, und beruhen mehr auf sonst in der medizinischen Diagnostik eingesetzten Untersuchungsmethoden, als auf beobachteten und heuristischen Datenerhebungen.

(Vgl. Koelsch und Fritz, 2007, S. 23-38; Baumann und Gessner, 2004, S. 81 ff; Ribke, 1995, S. 67 bzw70 ff; Jochims, 2005, S. 93 ff; Gruhn, 2005, S. 68 ff; Spitzer, 2004, S. 209; Helms et al., 1995, S. 334; Bruhn et al., 1994, S. 588)

Pilat, Carmen: Magisterarbeit LMU Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften vom 02.10.2008: "Elementare Musikpädagogik in der Früherziehung und Musiktherapie in der Neurorehabilitation bei Schlaganfallpatienten - Darstellung und Vergleich von Grundlagen, Zielsetzungen und praktischen Durchführungen". Einsehbar in der Fakultätsbibliothek für Pädagogik und Psychologie der LMU.